Geschichten
 
BAfH: ENGINEERING

von Florian Schiel

Diese Story koennte auch den Titel tragen: "Was Sie schon immer ueber Ingenieure wissen wollten", aber Schiel ist gegen Titel mit mehr als zwei Woertern, weil die Dateinamen seiner Texte dann so lang werden. Naja... Am besten fange ich mit einer Email an, die vorige Woche raffiniert durch meine Spam-Filter geglitscht ist:

Sehr geehrter Herr Leisch!

Ich lese seit ueber einem Jahr Ihre Kolumne und bin daher bestens ueber die entsetzlichen Verhaeltnisse an der Universitaet informiert. Mein Sohn macht demnaechst Abitur und moechte - zum Entsetzen seiner Eltern - ein Ingenieursstudium beginnen. Ich habe ihm daraufhin alle Ihre Geschichten zum Lesen gegeben, um ihn von dieser unseligen Idee abzubringen - mit dem Erfolg, dass er jetzt auch noch an Ihrer Universitaet studieren will! Koennen Sie mir EINEN vernuenftigen Grund nennen, warum ich mir einen Ingenieur als Sohn wuenschen sollte?! ...

Zuerst wollte ich wie ueblich die Loeschtaste druecken und weiter 'Babylon 5' schauen, aber zufaellig war Marianne gerade in meinem Buero, um mein ZIP-Drive zu 'leihen' (= klauen), und hat mir - neugierig wie sie ist - ueber die Schulter gekuckt. "Ha!" O-Ton Marianne. "Das wuerde ich auch gerne mal wissen!" Ausgerechnet Marianne, mit ihrem popeligen Informatikstudium! "Was an einem Ingenieur so besonderes dran sein soll!" Veraechtlicher Seitenblick. Und das von Marianne! Wo die doch von Heterosexualitaet keine Ahnung hat!

Jawohl, meine Damen und Herren! Der Ingenieursberuf ist eine hochgradig erotische Angelegenheit! Und weil Marianne sich so auffuehrt, bin ich sogar bereit, Babylon 5 kurz zu unterbrechen und diese These durch ein paar wissenschaftlich fundierte, empirische Beobachtungen zu untermauern!

PSEUDOWISSENSCHAFTS -MODE ON

These 1 : Wenn ein Ingenieur ueberhaupt Interesse am weiblichen Geschlecht hat, ist er im 'Anbandeln' unschlagbar.

(Fuer die Nicht-Bayern und sonstigen Auslaender: 'Anbandeln' bedeutet ungefaehr: 'Initiieren einer zwischengeschlechtlichen Kommunikation zwecks moeglicher spaeterer Kopulation')

Warum? Ein Ingenieursstudium dauert ca. 4einhalb Jahre. Waehrend dieser Zeit muss sich der Student damit abfinden, dass an einer technischen Universitaet auf 1000 maennliche Studenten nur ca. 30 weibliche kommen. Entweder er passt sich an und entwickelt Kommunikationsstrategien, die so umwerfend sind, dass jedem Disco-Moechtegern-Travolta die Schlaghosen flattern, oder er verliert fuer immer das Interesse am anderen Geschlecht (und hat dann immerhin noch ein langes, ruhiges Leben vor sich!)

These 2 : Ingenieure sind als potentielles Heiratsmaterial unschlagbar.

Um diese Hypothese zu beweisen, bedarf es eines simplen Experiments, das jeder wissenschaftlich interessierte Leser leicht selber durchfuehren kann: Man nehme vier Liter Kaffee, zwei bis drei Torten, zehn Muetter von Toechtern, die zwischen 15 und 25 Jahre alt sind (unverheiratet natuerlich!)(die Toechter meine ich; nicht die Muetter!) und schliesse alles zusammen fuer eine Stunde in einen schalldichten Raum mit geeichter Schallpegel-Messeinrichtung. Dann gebe man einen frischen Ingenieursstudenten dazu (um das Experiment zu beschleunigen, traegt er ein T-Shirt der Technischen Universitaet); im parallelen Kontrollexperiment gibt man statt dessen einen Disco-Moechtegern-Travolta (unbedingt den Typ mit Schlaghosen!). Die Ergebnisse in Kuerze: Der mittlere Ratsch-Pegel steigt um 36 Dezibel an (im Kontrollraum sinkt er um 96 dB!); die Rate der angebotenen Kuchenstuecke/Kaffeetassen pro Minute steigt um 4700% (in Kontrollraum dagegen wird 'aus Versehen' eine Schlaghose mit Kaffee uebergossen!); der Ingenieursstudent bekommt innerhalb von 96 Sekunden zehn Einladungen zum Kaffeetrinken; der Moechtegern-Travolta bekommt eine Ohrfeige.

These 3 : Ingenieure werden immer bevorzugt behandelt.

Warum? Dazu die folgenden zwei typischen Alltagssituationen:

Transatlantikflug. Ploetzlich setzen die Motoren aus. Das Flugzeug bekommt genau die gefaehrliche Schraeglage, die man in billigen Hollywood-Schinken so liebt. Zwei heldenhafte Gestalten kaempfen sich durch die Panik nach vorne zum Cockpit, um todesmutig das Flugzeug zu retten; die Chef-Stewardess (die zufaellig so aussieht wie Cindy Crawford) stellt sich ihnen in den Weg. Der eine sagt: "Ich bin Ingenieur!" Der andere sagt: "Ich bin ein Disco-Moechtegern-Travolta!" Wem wird die Stewardess den Vorzug geben? Bingo!

Blue-Chip Barclay, das teuerste Hotel in Las Vegas, am Freitag abend. Lange Schlangen von Hotelgaesten stehen vor der Rezeption. Sogar vor dem "High Executive Premier Senator" Check-In stehen mehrere ungeduldige Multi-Milliardaere. Ploetzlich tritt die Rezeptionistin (die zufaellig aussieht wie Cindy Crawford) mit ihren High-Heels auf die Stromleitung und zieht den Stecker ihres Check-In-Terminals heraus. Nix geht mehr. Die Multi-Milliardaere werden ungehalten; Cindy bangt um ihre Trinkgelder. In der Schlange vor der Fussvolk-Rezeption steht an 18ter Stelle ein Disco-Moechtegern-Travolta und an 132ter Stelle ein Ingenieur. Wer von beiden wird als erster einchecken und ausserdem mit Cindy zum Essen gehen? Bingo!

These 4 : Ingenieure landen schneller im Bett als andere Maenner.

Ingenieure tragen braune Kordhosen, Rollkragen-Pullis in kack-langweiligen Farben, haben Haarschnitte wie mit dem Rasenmaeher einmal kraeftig drueber, bewegen sich so tolpatschig wie frisch geborene Giraffen und stecken ueberall ihre Finger hinein. Folglich loesen sie bei jeden weiblichen Wesen, das ihnen begegnet, den angeborenen Bemutterungsinstinkt aus, weil so ein bedauerndwertes, lebensuntuechtiges Wesen kann man ja nicht einfach so im Stich lassen, nicht wahr? Was machen Muetter mit Vorliebe? Sie bringen ihre Schuetzlinge ins BETT. Bingo!

PSEUDOWISSENSCHAFTS-MODE OFF

Abgesehen von der erotischen Komponente weiss natuerlich jeder, dass Ingenieure noch die folgenden, erstaunlich uniformen Eigenschaften haben: mundfaul wie friesische Torfbauern, langweilig wie 'Wetten dass', unauffaellig wie ein Hering im Heringsschwarm und so schlecht gekleidet, dass es schon beinahe wieder auffaellt (aber eben nur beinahe!). Und was ist dabei der Vorteil, fragt ihr euch jetzt? Ganz einfach: Ingenieure treten meistens in Horden auf (ganz einfach deshalb, weil ausser Ingenieuren niemand mit ihnen ein Bier trinken gehen will!). Wenn ein Ingenieurskandidat nur einen Bruchteil oberhalb des allgemeinen Levels liegt - z.B. hat er schon keine feste Zahnspange mehr - sticht er gegen den Rest der Horde so ab wie ein Paradiesvogel im Nilpferdgehege. Mit anderen Worten: mit einem infinitesimal kleinen Vorteil kann sich der Ingenieur gewaltig ins Rampenlicht setzen. (Dass er davon natuerlich nix mitbekommt, macht ihn in den Augen des anderen Geschlechts noch begehrenswerter.)

Das Leben mit einem Ingenieur kann niemals langweilig werden. Zum einen sind sie unerhoert kreativ (wenn man mal von ihrem aeusseren Erscheinungsbild abstrahiert), zum anderen neugieriger als 25 Katzen, wenn es sich um irgend etwas Technisches handelt.

Yogi Flop kam eines Tages in deutlich gedrueckter Stimmung in den LEERstuhl. Beim Kaffeetrinken nahm Frau Bezelmann (auch sie kann sich manchmal ihres Mutterinstinktes nicht erwehren!) ihn gruendlich in die Mangel, und es stellte sich heraus, dass seine Freundin ihn auf die Strasse gesetzt hatte. Dabei hatte er lediglich die vier Reifen seines neuen MX 5 abmontiert, in den vierten Stock ins Badezimmer getragen und in der Badewanne abgeduscht, weil sie nach einer kleinen Tour in die Provinz 'so staubig aussahen'. Allerdings muss man hinzufuegen, dass das Badezimmer vor der Aktion frisch geputzt, und nach der Aktion neu gekachelt werden musste (Reifengummi geht verdammt schwer wieder weg!).

Der Kollege O. hat schon in den 70iger Jahren, zur Zeit der Oelkrise, eine Energie sparende Vorwaesche erfunden: die schmutzige Waesche wird in der Dusche, waehrend des normalen taeglichen Koerperreinigungsvorganges mit den Fuessen rhythmisch getreten. Die so grob vorgereinigte Waesche kann sofort in den Hauptwaschgang der Maschine gegeben werden. Merkwuerdigerweise war in Os. Haushalt niemand besonders erbaut von der Methode.

Vorige Woche treffe ich im Rechnerraum B auf zwei Hauptdiplomsstudenten, wie sie systematisch einen Streifen nach dem anderen von einer Tesarolle herunterspulen. Als ich frage, was der Scheiss soll, antworten sie ernsthaft, dass auf der Packung zwar die Laenge mit 50 Metern angegeben sei, aber wie koenne man wissen, ob die Firma einen nicht bescheisse, wenn man es nicht eigenhaendig nachgemessen habe.

Zu guter letzt muss man noch erwaehnen, dass Ingenieursstudenten in gewisser Weise voellig enthemmt sind. Es gibt praktisch nichts, was sie nicht auseinandernehmen. Besonders beobachtet man immer wieder den unzuegelbaren Drang, GESCHLOSSENE Dinge AUFZUMACHEN. Natuerlich sind einige altmodisch veranlagte Maedchen der Ansicht, dass sich der ideale Liebhaber weniger fuer die Technik ihres BH-Verschlusses als vielmehr fuer den Inhalt desselben interessieren sollte. Ich sage dazu nur: besser ein Ingenieursstudent, der den BH aufkriegt, als ein Germanist, der zwar am Inhalt interessiert ist, aber dann an der Technik scheitert!

-- Copyright Florian Schiel 2000
Veröffentlichung dieser Leseprobe mit freundlicher Genehmigung von Florian Schiel. Er ist Verfasser der BAfH (Bastard Assi from Hell) Kolumne, die nun bereits seit einigen Jahren unregelmässig über eine Mailingliste an Uni-Assistenten und andere subversive Zeitgenossen verteilt wird und mittlerweile auch in Buchform erhältlich ist. Mehr Informationen über den BAfH und die Mailingliste gibt es auf den Bastard Pages. Die bislang erschienen Bücher sind in den dipling-Buchtipps aufgelistet.

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